Mindestens Zwei!

Wo man in unserer Welt immer so gerne von „best practice“ redet, hätte ich tatsächlich mal etwas, das ich anbringen möchte.

Und zwar ist das eigentlich eine ganz alte Geschichte, noch aus meiner Zeit als solution specialist. Damals war ich ja primär unterwegs, Kunden mit den bestehenden Lösungen zu mehr Wumm zu verhelfen. Grob gesagt.

Es geht um das Thema „Analytics hoffähig machen“, bzw. darum, mit wem man das schafft. Wie sollte ein Analytics Team aussehen, wenn es eins gibt?

Daten

Ich fange mal mit den Daten an, denn um die (und das sollte man nie vergessen) geht es ja bei allem was wir tun.

Ohne Daten sind wir nichts, aber auch mit falschen Daten sind wir eher so ein Rohrkrepierer. Dazu kommt dummerweise auch noch, daß sich Daten i.A. nicht von allein zu relevanten Einsichten kombinieren, da steht auch bei uns das Problem mit der Entropie im Weg.

Daher brauchen wir in unserem Team jemanden, der sich mit Daten auskennt. Der Daten massieren kann, bis sie ganz wohlig entspannt werden und uns ihre Geheimnisse ausplaudern. Der den Daten sagen kann, wo es lang geht, wenn sie sich daneben benehmen.

Man denkt bei dieser Rolle oft an „data scientists“, Leute mit PhD in Wirtschaftsmathematik oder 12 Jahren Erfahrung mit SPSS oder R oder so.

Das paßt auch ganz gut, mir fehlt da aber ein Aspekt: Die Fähigkeit, zuzuhören und andere Menschen zu verstehen.

Das mit dem Rohrkrepierer aufgrund falscher Daten ist ein ganz reales Problem. Und ein ziemlich verbreitetes.

Zwei Dinge: Erstens muß die Person in dieser Rolle verstehen können, was ihre Kunden (also Kollegen außerhalb des Analytics Team) eigentlich brauchen. Das ist schwieriger als es sich anhört, denn oft wissen die das ja auch nicht. Und zweitens muß die Person in der Lage sein, sehr gut zu erklären, was sie getan hat, damit die Kollegen es verstehen können.

So eine Person zu finden, ist ziemlich schwierig. Wer genug Budget hat, kann stattdessen zwei einstellen, einen für die Daten und einen für’s Zuhören. Diese zwei müssen dann aber sehr eng zusammenarbeiten, sonst wird das nichts.

Code

Weil — wie wir ja wissen — es keine Implementierungsphase gibt und die Änderungen am Code permanent und oft passieren, tut es einem Analytics Team gut, eine Mitarbeiterin einzustellen, die neben der Thematik Webanalyse auch Javascript kennt, und zwar recht gut.

Ob man ganz klassisch Tags in seine Webseiten integriert oder mit einem Tag Management System arbeitet, ist dabei vollkommen egal. Javascript wird so oder so dabeisein.

Auch eine Person für diese Rolle ist einigermaßen schwer zu finden. Im Grunde würde man ja eine „echte Entwicklerin“[tm] haben wollen, nur hat die meist keine Erfahrung mit Analytics und vermutlich wenig Lust, ihre eigentliche Berufung aufzugeben.

Wer diesen Job aktuell macht, kommt vermutlich aus der „Ich war Analyst, aber dann habe ich mir Javascript beibringen müssen“ Ecke.

Und sonst?

Ich habe da noch eine schockierende Meldung im Ärmel … *schüttel* …

Daten überzeugen niemanden!

Ich weiß nicht genau, wie groß der Anteil meiner Leser hier ist, die in ihrem Berufsleben mit Daten oder Code zu tun hatten. Ich selber jedenfalls gehöre in diese Gruppe, und da sich gleich und gleich bekanntlich gern‘ gesellt…

Mir fällt dieser Teil am schwersten. Wenn ich irgendwo ein gutes Argument sehe, oder Daten, die ganz eindeutig etwas ganz bestimmtes aussagen, dann ist meine instinktive Reaktion auf Jemanden, der das anders sieht entweder Unglaube oder das Gefühl, derjenige habe das bloß noch nicht so ganz verstanden.

Leider muß ich mir immer wieder explizit klarmachen, daß es nicht so ist.

„Ein gutes Argument“ ist in Wirklichkeit „ein in meinen Augen gutes Argument“, und „Daten, die ganz eindeutig etwas ganz bestimmtes aussagen“ sind eben auch nur „Daten, die für mich ganz eindeutig etwas ganz bestimmtes aussagen“.

Den Effekt kennt man aus der Politik, oder auch nur, wenn man in einer grösseren Firma arbeitet. Oder Fußballfan ist. Dieser ganz grundlegende Verdacht, jemand der eine Entscheidung getroffen hat die ich anders gemacht hätte müsse irgendwie doof sein — auch das ist instinktiv. Und meistens Unsinn.

Was macht man denn als Analytics Team, wenn man mit den ganzen schönen Daten, Analysen und Argumenten nicht weiterkommt?

Man kann alle anderen Kollegen für doof halten, aber helfen tut das eher nicht.

Und deswegen braucht ein Analytics Team eine Politikerin.

Die Aufgabe dieser Person ist, alle anderen Kollegen zu beackern, die Möglichkeiten auszuloten, das Analytics Team vor zu viel Müll abzuschirmen und den wirklich wichtigen Ergebnissen der Arbeit des Teams das Gehör zu verschaffen, das ihnen gebührt.

Ich weiß, was sie jetzt denken — und sie haben Recht: diese Person wird im Team immer als der Sonderling angesehen werden. Mit einer Mischung aus Geringschätzung und Neid. „Der versteht ja noch nichtmal, was ‚Standardabweichung‘ sein soll!“ oder „Ich hätte auch gerne nur Meetings den ganzen Tag…“

Fakt ist: Ohne eine Politikerin kommt ein Analytics Team nicht weiter.

Ich gehe davon aus, daß diese Rolle normalerweise von der Leiterin des Teams übernommen wird. Das ist vermutlich auch gut so.

Für Interessenten für die anderen Rollen bedeutet es übrigens: Es könnte sinnvoller sein, für jemanden zu arbeiten, mit dem man sich nicht sofort „auf einem technischen Level“ verbunden fühlt. Außer natürlich ein solcher Manager hat auch explizit einen Politiker im Team.

Personalunion

Es gibt ein paar Grenzfälle und Ausnahmen, wie das immer so ist.

Erstens Startups. Wenn alle Beteiligten sich noch darüber im Klaren sind, wohin die Reise geht und was ihr Anteil daran ist, dann ist die Rolle des Politikers vielleicht weniger wichtig. Man kann eventuell auch ohne Javascript-Erfahrung auskommen, solange man im Team motivierte und verständnisvolle Programmierer hat, die den Teil übernehmen.

Zweitens Ausnahmetalente. Es gibt manchmal Leute, die so richtig gut sind. Eine solche Person kann zwei oder sogar alle drei der Bereiche oben abdecken. Solche Leute gibt es selten, und meistens sind sie auch noch unglaublich teuer.

Drittens Champion im Management. Wer das große Glück hat, einen echten Champion im Management zu haben, kann auch ohne Politiker zurechtkommen. Sinnvollerweise sollte man trotzdem einen suchen und sich nicht nur darauf verlassen, daß schon immer alles so bleiben wird, wie es ist.

In allen anderen Fällen sollte ein Analytics Team aus mindestens 2 Personen bestehen: Politiker und Macher. 3 sind besser. Und mehr, natürlich.

Über

German expat living in Switzerland (formerly UK and France). Consultant and member of the Multi-Solutions Group at Adobe, working with the Digital Marketing Suite. Father of 4 girls.

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Veröffentlicht in Meinung
4 comments on “Mindestens Zwei!
  1. Bijan sagt:

    Jan,
    welch‘ Ode an uns (und die fehlende Politikerin), aber Du hast es mal wieder auf den Punkt gebracht – allerdings, Du hast es selbst bemerkt, was für ein Typus ist Dein Leser und wie bekommen wir dieses Statement an die Politikerin?😉

    Gruß
    Bijan

  2. […] und kostet Zeit und Ressourcen. Als Analyst könnte man sich bequem darauf zurückziehen, dass ja die Politikerin genau diese Rolle übernehmen soll, und das stimmt auch. Ich würde trotzdem jedem von uns […]

  3. […] habe das Setup schon angerissen, sowohl das Thema Zusammenstellung des Teams, als auch warum ich glaube, dass man mit Tag Management und einem umfassenden Data Layer […]

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